Wenn niemand kommt
Dies ist Teil 4 der Reihe "Beziehung zu dir selbst".
Es gibt einen Moment, den die meisten Menschen nicht mögen. Nicht, weil er gefährlich wäre, sondern weil er etwas sichtbar macht. Es ist der Moment, in dem du merkst: Niemand kommt.
Keine Nachricht. Keine Bestätigung. Keine Ablenkung. Kein Mensch, der dich gerade aus deinen Gedanken holt. Kein Gespräch, das die Leere überdeckt. Kein Gegenüber, das dir sagt, dass alles gut wird.
Nur du.
Und genau das kann erstaunlich schwer sein. Nicht, weil wir schwach sind. Sondern weil viele von uns nie wirklich gelernt haben, mit sich selbst zu sein. Wir haben gelernt zu funktionieren. Für andere da zu sein. Verantwortung zu übernehmen.
Zu verstehen. Zu helfen. Zu tragen.
Doch mit uns selbst ist es oft komplizierter. Denn während wir für andere Mitgefühl haben, begegnen wir uns selbst häufig mit Druck. Während wir andere trösten können, versuchen wir unsere eigenen Gefühle möglichst schnell wieder loszuwerden. Während wir anderen Zeit geben würden, verlangen wir von uns selbst, sofort wieder stark zu sein.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das viele gar nicht bemerken:
Wir verlassen uns selbst.
Nicht spektakulär. Nicht dramatisch. Sondern in kleinen Momenten.
Wenn wir spüren, dass uns etwas verletzt – und es trotzdem herunterspielen.
Wenn wir merken, dass eine Situation uns nicht guttut – und trotzdem bleiben.
Wenn wir erschöpft sind – und weitermachen.
Wenn wir traurig sind – und uns sagen, dass wir uns nicht so anstellen sollen.
Vielleicht verlassen wir uns selbst viel häufiger, als wir glauben. Nicht weil wir uns nicht lieben. Sondern weil wir nie gelernt haben, dass unsere eigenen Gefühle ebenfalls einen Platz haben dürfen. Und genau deshalb wird das Alleinsein manchmal so schwer. Denn wenn niemand mehr da ist, auf den wir uns konzentrieren können, bleibt nur noch die Begegnung mit dem, was in uns lebt.
Mit der Traurigkeit. Mit der Sehnsucht. Mit der Enttäuschung. Mit den unerfüllten Hoffnungen. Mit all den Gefühlen, die im Lärm des Alltags oft keinen Raum bekommen. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Menschen so viel Energie darauf verwenden, sich zu beschäftigen. Warum sie ständig etwas tun. Etwas planen. Etwas lösen. Etwas verbessern wollen.
Je länger ich Menschen begleite, desto mehr entsteht in mir der Eindruck, dass viele nicht daran leiden, Gefühle zu haben. Sondern daran, mit diesen Gefühlen allein zu sein.
Nicht immer, weil sie aktiv vor sich davonlaufen. Manchmal einfach, weil Stillwerden bedeutet, sich selbst zu begegnen. Und diese Begegnung kann ungewohnt sein. Vielleicht sogar schmerzhaft. Vor allem dann, wenn man sein Leben lang gelernt hat, sich um andere zu kümmern. Denn dann entsteht irgendwann eine unbequeme Frage:
Wer kümmert sich eigentlich um mich?
Und noch unbequemer: Kümmere ich mich überhaupt um mich?
Nicht im Sinne von Wellness oder Selbstoptimierung. Sondern wirklich.
Höre ich mir zu?
Nehme ich ernst, was ich fühle?
Bleibe ich bei mir, wenn es schwierig wird?
Oder verlasse ich mich genauso, wie ich mich von anderen verlassen fühle?
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Einladung zur Ehrlichkeit. Denn vielleicht liegt genau hier ein Wendepunkt. Vielleicht besteht die Kunst, sich selbst zu halten, gar nicht darin, immer stark zu sein. Vielleicht bedeutet sie auch nicht, alles allein schaffen zu müssen.
Vielleicht bedeutet sie etwas viel Einfacheres:
Zu bleiben. Bei dir.
Auch dann, wenn du traurig bist.
Auch dann, wenn du zweifelst.
Auch dann, wenn niemand kommt.
Vielleicht ist das die Form von Liebe, über die so selten gesprochen wird. Nicht die Liebe, die wir von anderen bekommen. Sondern die Liebe, die wir uns selbst schenken, indem wir uns nicht mehr verlassen. Und vielleicht verändert sich in diesem Moment etwas ganz Grundlegendes. Denn plötzlich wartest du nicht mehr darauf, dass jemand deine innere Welt rettet. Du beginnst, selbst darin anwesend zu sein. Nicht perfekt. Nicht jeden Tag. Nicht ohne Rückschritte. Aber immer öfter. Und vielleicht ist das die eigentliche Bedeutung von innerem Halt. Nicht, dass keine schwierigen Gefühle mehr auftauchen. Sondern dass du lernst, ihnen nicht mehr allein gegenüberzustehen.
🩷Weil du da bist. Für dich.🩷
Vielleicht besteht die größte Veränderung nicht darin, dass endlich jemand kommt.
Sondern darin, dass du bemerkst:
Du bist längst da.
Und zum ersten Mal gehst du nicht mehr weg.
Im nächsten Teil dieser Reihe werden wir uns einer Frage widmen, die viele Menschen unbewusst begleitet:
Warum verschieben wir unser Glück so oft auf später und welche Bedingungen knüpfen wir daran, endlich glücklich sein zu dürfen?
Fortsetzung folgt. (Im Übrigen sind Kommentare und Impulse sowie Diskussionen erwünscht)
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