Ich bin der Anlass.

Veröffentlicht am 14. Juli 2026 um 08:06

Warum wir aufhören dürfen, unser Leben für später aufzuheben. 

Es gibt einen Satz aus meiner Kindheit, den ich bis heute hören kann. Es gab dieses eine paar Schuhe, die ich unbedingt von meiner Mutter anziehen wollte. Ihre Antwort stets: 

„Nein, die nicht. Das sind doch meine Besten.“

Also wanderten sie wieder schweren Herzens zurück. Sie waren ja für einen besonderen Anlass. Damals habe ich das nie hinterfragt. Es war einfach so.

Die schönen Schuhe. Das gute Geschirr. Die edlen Gläser. Das Sonntagskleid. Alles hatte seinen Moment. Nur eben nicht heute. Heute muss ich darüber schmunzeln. Nicht über meine Mom. Sondern über uns alle. Denn wenn ich ehrlich bin, mache ich es manchmal noch genauso. 

Ich habe gutes Geschirr. Es steht in einer Vitrine. Und bis vor Kurzem stand es dort vor allem aus einem Grund: Damit bloß nichts daran passiert. Neulich blieb ich davor stehen und musste plötzlich lachen. Ich dachte: Vielleicht backe ich heute einfach Pfannkuchen und esse sie vom guten Geschirr.Warum eigentlich nicht? Wer genau entscheidet, dass ein gewöhnlicher Dienstag kein besonderer Anlass sein darf?

Und plötzlich wurde aus einem Teller eine Frage.

Auf was warten wir eigentlich?

Je länger ich Menschen begleite, desto häufiger fällt mir auf, dass wir nicht nur Porzellan aufheben.

Wir heben unser Leben auf. 
Wir warten.
Auf den richtigen Zeitpunkt. 
Auf den richtigen Menschen.
Auf mehr Zeit.
Auf weniger Stress.
Auf den Urlaub.
Auf den Ruhestand.
Auf die perfekte Figur.
Auf irgendwann.

Und fast immer beginnt dieser Satz mit denselben zwei Worten:

„Erst wenn…”

Erst wenn ich abgenommen habe. 
Erst wenn die Kinder größer sind.
Erst wenn wir mehr Geld haben.
Erst wenn mein Partner…
Erst wenn…

Ich weiß nicht, wie es dir geht. Aber in mir zieht sich bei diesem Satz alles zusammen. Er fühlt sich an wie eine unsichtbare Handbremse. Als würde das Leben leise sagen:

“Heute noch nicht.”       
“Du noch nicht.”

Und genau das ist die eigentliche Tragik. Nicht, dass wir warten. Sondern warum wir warten. Vielleicht, weil wir tief in uns glauben, den besonderen Moment erst verdienen zu müssen. Vor einiger Zeit musste ich die Wohnung meiner Mama auflösen. Ein ganzes Leben. Alles hatte seinen Platz. Alles war sorgsam behandelt worden. Und vieles von dem, was sie ihr Leben lang geschont hatte, musste ich schließlich wegwerfen. Fast unbenutzt. Diese Bilder haben mich lange begleitet. Nicht wegen der Dinge. Sondern wegen der Geschichten, die sie erzählten.

Wie viele Kerzen wurden nie angezündet? Wie viele Gläser nie benutzt? Wie viele Schuhe nie getragen?

Bitte versteh mich nicht falsch. Ich erzähle das nicht, weil ich meine Mutter kritisieren möchte. Ganz im Gegenteil. Sie gehörte zu einer Generation, die gelernt hatte, sorgsam zu sein. Nichts zu verschwenden. Dankbar zu sein. Und dafür empfinde ich großen Respekt.

Aber vielleicht dürfen wir heute etwas Neues lernen. Denn irgendwann wurde mir klar:

Wir sparen nicht nur schöne Dinge. 
Wir sparen oft an dem, was unser Leben wirklich reich macht. 
Wir sparen an Zeit.
An Aufmerksamkeit. 
An Zuneigung.  
An Berührungen. 
An Komplimenten.
An Anerkennung. 
An Dankbarkeit.
An einem Anruf.
An einem “Ich hab dich lieb.”

Wir denken: 
Morgen. 
Nächstes Wochenende.
Wenn es ruhiger geworden ist.
Wenn er den ersten Schritt macht.
Wenn sie sich zuerst meldet.

Und während wir beide warten…

…vergeht Zeit.

Mit Liebe zu sparen ist vielleicht das Teuerste, was wir uns leisten können.

Wie oft halten wir Liebe zurück, weil wir Angst haben, verletzt zu werden? Wie oft schenken wir unserem Partner lieber Schweigen als Nähe, weil wir möchten, dass er zuerst auf uns zukommt? Wie oft denken wir an einen Menschen… und rufen trotzdem nicht an? Wie oft sagen wir unserem Kind nicht, wie stolz wir sind? Wie oft bedanken wir uns nicht bei unseren Eltern? Nicht weil wir es nicht fühlen. Sondern weil wir glauben, morgen sei auch noch ein Tag. 

Vielleicht behandeln wir nicht nur das gute Geschirr so. Vielleicht behandeln wir manchmal auch unser Herz so. Gut geschützt. Sorgsam aufbewahrt. Für später.

In den letzten Monaten ist etwas Wunderschönes in meinem Leben passiert. Nicht spektakulär. Ganz leise. Ich merke, wie mein Nervensystem langsam versteht, dass Frieden möglich ist. Ich liege manchmal einfach nur da. Louie schläft neben mir. Ich atme tief ein. Und denke: Es ist gut. Nicht perfekt. Aber gut. Ich darf sein. Und plötzlich verliert dieser kleine Satz seine Macht.

„Erst wenn…”

Er wird ersetzt durch einen anderen.

„Jetzt.”

Vielleicht geht es am Ende gar nicht um das gute Geschirr. Nicht um die Schuhe. Nicht um das Kleid. Vielleicht geht es darum, ob wir bereit sind, unser Leben heute zu wählen. Mit allem, was dazugehört. Mit unseren Ecken. Unseren Kilos. Unseren Narben. Unseren Zweifeln. Und unserem Lachen.

Vielleicht ziehen wir morgen tatsächlich die schöne Bluse zum Einkaufen an. 
Vielleicht essen wir Pfannkuchen vom guten Geschirr.
Vielleicht sagen wir endlich:

“Ich liebe dich.”

“Es tut mir leid.”

“Ich bin stolz auf dich.”

Nicht, weil heute Weihnachten ist. 
Nicht, weil Geburtstag ist.
Nicht, weil wir erst etwas leisten müssen.

Sondern... weil heute Leben stattfindet. Und vielleicht ist genau das die Erkenntnis, die ich selbst erst lernen musste. Ich habe so lange geglaubt, auf den besonderen Anlass zu warten.

Bis ich begriffen habe:

Ich bin der Anlass.

Nicht irgendwann. Nicht erst, wenn… Sondern heute. 🩷

Vielleicht lesen wir uns in einem meiner nächsten Artikel wieder. Bis dahin wünsche ich dir, dass du keinen besonderen Anlass mehr suchst, sondern bemerkst, dass du ihn längst mitgebracht hast. 😉

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Jasmin Gerdes
Vor einer Stunde

Wie schön beschrieben, wie wir alle leben. Das spannende ist, dass ich an meinen Kindern und Enkeln erkenne, dass sie es besser machen. Eine Work Life Balance ist wieder wichtig. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag🙏

Monika Jantsch
Vor 32 Minuten

Liebe Alessandra, von Herzen vielen Dank für diesen wieder mal ganz wundervollen Blog.
Und wieder sprichst Du mir aus der Seele. Für mich ist, seit der Leukämie-Erkrankung unseres Sohnes vor nun bald 20 Jahren (die Zeit als ich Dich kennenlernen dufte, wofür ich bis heute dankbar bin) jeder Tag ein besonderer Tag.
Einen Tag an dem ich nichts vor habe, kein Termin in meinem Kalender steht und ich mich einfach nur treiben lassen kann, feier ich ganz besonders. Gleichzeitig genieße ich auch jede Zeit die ich mit meiner Familie, meinen Freunden, meinen Arbeitskollegen und meinen Kursteilnehmenden verbringen darf.
In diesem Sinne - Lass uns das Leben feiern, genießen, jeden Tag im Hier & Jetzt sein, als besonderes Geschenk sehen und Liebe teilen.
Fühl Dich fest umarmt.
Herzliche Grüße
Moni