Ist dein Herz bei mir sicher? (Emotionale Sicherheit & Verbindung)

Veröffentlicht am 25. August 2026 um 11:26

Wo darf mein Herz wohnen? - Teil 4

„Bei mir darfst du du selbst sein.“

Das würde ich über mich gerne sagen. Und ich glaube auch, dass ich es grundsätzlich so meine. Du musst nicht meiner Meinung sein. Du darfst anders leben, anders denken, anders fühlen. Du darfst laut sein, leise, schräg, empfindlich, albern, kompliziert. Ich möchte Menschen nicht zurechtbiegen.

So weit, so schön.

Spannend wird es allerdings, wenn dein „Du selbst sein“ bei mir auf einen wunden Punkt trifft. Dann zeigt sich nämlich, wie sicher dein Herz bei mir wirklich ist.

Diese Erkenntnis gefällt mir nicht ausschließlich. 😉

In den letzten Teilen dieser Reihe habe ich viel darüber geschrieben, was mein eigenes Herz braucht.

Ist mein Herz bei dir sicher?
Wann ist es vorsichtig geworden?
Woran erkenne ich, dass es sich wieder sicher fühlt?

Und irgendwann muss man wohl oder übel die Blickrichtung wechseln.

Ist dein Herz eigentlich bei mir sicher?

Nicht nur dann, wenn wir uns mögen. Nicht nur dann, wenn du dich so verhältst, wie ich es mir wünsche. Sondern auch dann, wenn du mich enttäuschst, wütend machst oder verletzt. Ich finde, an dieser Stelle wird die Frage erheblich unbequemer.

Denn ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Ich war nicht immer ein sicherer Ort für das Herz eines anderen.

Wenn ich ehrlich bin, war meine Palette früher durchaus beachtlich. Ich konnte mich zurückziehen und sehr still werden. Ich konnte aber auch sehr laut werden. Und wenn ich richtig verletzt war, konnte ich mit Worten ziemlich gut treffen. Nicht versehentlich. Das wäre jetzt eine sehr bequeme Version meiner Geschichte. Manchmal wollte ich tatsächlich verletzen. Wenn du mir wehgetan hast, solltest du ruhig merken, wie sich das anfühlt. Ich wurde laut, wiederholte mich, brubbelte mich eine ganze Weile aus und konnte dabei auch ausfällig werden. Und wer in dieser Phase noch meinte, ein bisschen Kohle ins Feuer werfen zu müssen…

nun ja.

Lauf. 😂

Besonders zuverlässig ließ sich dieser Knopf übrigens mit einem Thema drücken: Ungerechtigkeit.

Wenn ich etwas als zutiefst ungerecht empfinde – gegen andere oder gegen mich, konnte mein innerer Vulkan erstaunliche Aktivität entwickeln.

Heute passiert mir das kaum noch in dieser Form. Ich bin klarer geworden. Ich kann eher sagen, was mich verletzt oder wütend macht, ohne dafür gezielt zurückverletzen zu müssen.

Aber ich kenne diese Seite von mir. Und ich finde es wichtig, sie nicht aus meiner Geschichte herauszuschreiben, nur weil mir die heutige Version besser gefällt. 

Vielleicht kennst du das in deiner eigenen Art. Vielleicht wirst du nicht laut. Vielleicht wirst du kühl. Sarkastisch. Du ziehst dich zurück, antwortest nur noch einsilbig oder lässt den anderen spüren, dass er gerade keinen Zugang mehr zu dir hat. Vielleicht möchtest auch du in solchen Momenten manchmal gar keine Lösung. Vielleicht möchtest du einfach, dass der andere endlich begreift, wie weh er dir getan hat.

Und genau da lohnt sich eine unbequeme Frage:

Was passiert mit dem Herzen meines Gegenübers, wenn meines gerade verletzt ist?

Das eigentlich Interessante an meinen früheren Ausbrüchen war nämlich etwas anderes. Wenn alles draußen war, konnte es für mich ziemlich schnell wieder gut sein. Ich hatte mich entladen. Mein Sturm war vorbei. Blöderweise saß mein Gegenüber innerlich möglicherweise noch zwischen den umgestürzten Gartenstühlen, während ich schon wieder dachte: „Kaffee?“ 

Heute muss ich darüber lachen. Und gleichzeitig sehe ich darin etwas, das ich damals nicht immer gesehen habe: 
Nur weil ich wieder bereit für Nähe bin, bedeutet das noch lange nicht, dass das Herz meines Gegenübers schon hinter dem Gartenstuhl hervorgekommen ist. Vielleicht gehört zu emotionaler Sicherheit deshalb auch, nicht nur die eigene Verletzung ernst zu nehmen. Sondern auch die Wirkung, die unsere Reaktion darauf beim anderen hinterlässt.

Gerade Worte haben eine ungeheure Macht. Wir können sie aussprechen und zwei Sekunden später bereuen. Wir können erklären, dass wir wütend waren. Dass wir es nicht so gemeint haben. Dass wir verletzt waren. Aber wir können sie nicht wieder ungesagt machen. Manche Worte ziehen vorbei. Andere setzen sich fest. Und manche trägt ein Mensch noch Jahre später mit sich herum, obwohl derjenige, der sie ausgesprochen hat, sie längst vergessen hat.

Ich weiß das von beiden Seiten. Ich kenne Worte, die mir gesagt wurden und die Spuren hinterlassen haben. Und ich weiß heute, dass auch ich Worte ausgesprochen habe, die andere verletzt haben. 

Verletzung geschieht natürlich nicht nur durch Worte. Menschen können Grenzen auf viele Arten überschreiten – durch Einschüchterung, Kontrolle, Demütigung und auch durch körperliche Gewalt.

Wo Gewalt beginnt, sprechen wir für mich nicht mehr über einen gewöhnlichen Streit oder darüber, wie zwei Menschen einfach besser miteinander kommunizieren könnten. Gewalt ist eine Grenze. Sie darf nicht romantisiert, mit eigener Verletztheit erklärt oder durch ein anschließendes „Es tut mir leid“ kleingeredet werden.

In diesem Artikel bleibe ich deshalb bewusst bei dem, was viele von uns aus alltäglichen Konflikten kennen: Worte, Rückzug und Verhaltensweisen, mit denen wir einander verletzen können, obwohl wir eigentlich miteinander verbunden bleiben wollen.

Und auch hier tragen wir Verantwortung.

Ich halte eine ehrliche Entschuldigung für unglaublich wichtig. Nicht, weil ein „Es tut mir leid“ das Geschehene ungeschehen machen könnte. Das kann es nicht. Aber eine ehrliche Entschuldigung gibt dem anderen etwas Wichtiges zurück: die Anerkennung, dass das, was passiert ist, nicht in Ordnung war und dass seine Verletzung gesehen wird.

Sie sagt: Ich sehe, was ich getan habe. Ich sehe, dass ich dich verletzt habe. Und ich übernehme Verantwortung dafür.

Dabei muss ich übrigens nicht einmal meine eigene Verletzung zurücknehmen. 
Beides kann gleichzeitig wahr sein:

Ich war zu Recht verletzt.

Und:

Ich hätte dich trotzdem nicht so behandeln dürfen.

Das eine macht das andere nicht ungültig. Und vielleicht macht eine Entschuldigung uns auch nicht kleiner, wie wir manchmal befürchten. Ich muss nicht zugeben, dass der andere mit allem recht hatte. Ich übernehme lediglich Verantwortung für meinen Teil.

Das ist etwas völlig anderes.

Eine Entschuldigung ist wichtig. Aber sie reicht nicht. Wenn ich einen Menschen immer wieder an derselben Stelle verletze, mich anschließend entschuldige und beim nächsten Mal exakt dasselbe tue, wird irgendwann nicht mehr meine Entschuldigung die Wahrheit.

Dann ist es mein Verhalten.

Das gilt übrigens nicht nur für Liebesbeziehungen. Es gilt für Freundschaften. Für Eltern und Kinder. Für Geschwister. Für Kolleginnen und Kollegen. Für jede Verbindung, in der ein Mensch uns etwas von sich anvertraut. 

Unsere Worte sagen viel darüber, wer wir sein möchten. Unser Verhalten zeigt, wie sicher andere tatsächlich mit uns sein können.

Ich kenne noch eine andere Reaktion.

Wenn ich nicht laut werde, kann ich sehr leise werden. Dann ziehe ich mich zurück und spreche erst einmal kaum. Bis ich zu einem Gespräch bereit bin, können ein paar Stunden vergehen. Heute finde ich auch daran nicht grundsätzlich etwas falsch. Nicht jeder Konflikt muss sofort geklärt werden. Manchmal ist es sogar wesentlich vernünftiger, erst einmal den Mund zu halten, bevor Dinge herauskommen, für die später wieder Gartenmöbel aufgestellt werden müssen. 😉

Aber auch hier gibt es für mich inzwischen einen Unterschied. Ich kann verschwinden und den anderen darüber im Unklaren lassen, was jetzt mit uns passiert. Oder ich kann sagen:

„Ich bin gerade zu aufgewühlt. Ich brauche ein bisschen Zeit. Aber wir reden später.“

Beides ist Rückzug. Aber im zweiten Fall bleibt etwas bestehen: die Verbindung.

Vielleicht ist genau das ein wichtiger Teil emotionaler Sicherheit. Du darfst Abstand brauchen, ohne mich zu verlassen. Ich darf wütend sein, ohne dich zu vernichten. Wir dürfen uns voneinander entfernen, ohne dass jedes Mal die gesamte Verbindung auf dem Spiel steht.

Und dann komme ich wieder zu meinem Satz vom Anfang:

„Bei mir darfst du du selbst sein.“

Ja.

Das wünsche ich mir für die Menschen in meinem Leben. Aber jemanden anzunehmen, wie er ist, bedeutet für mich nicht, jedes Verhalten hinzunehmen. 

Ich kann dich lieben und eine Grenze setzen. 
Ich kann dich achten und sagen: Das war nicht in Ordnung.
Ich kann versuchen zu verstehen, warum du etwas getan hast, und trotzdem entscheiden, dass ich es nicht akzeptiere. 

Denn ein sicherer Raum ist kein grenzenloser Raum. 

Auch ich darf darin vorkommen. 
Auch meine Würde. 
Auch meine Grenzen.
Auch mein Nein.

Ich kann dich als Menschen annehmen und trotzdem ablehnen, was du gerade tust.

Das ist manchmal eine verdammt feine Linie. Besonders, wenn man wütend ist.

Vielleicht magst du an dieser Stelle für einen Moment die Blickrichtung wechseln.

Wie fühlen sich Menschen eigentlich nach einer Begegnung mit dir?

Müssen sie bei bestimmten Themen vorsichtig sein?
Wissen sie ziemlich genau, welche Dinge sie besser nicht ansprechen? 
Dürfen sie dir widersprechen, ohne um eure Verbindung fürchten zu müssen? 
Können sie einen Fehler zugeben, ohne zu befürchten, dass du ihn ihnen beim nächsten Streit wieder auf den Tisch legst? 
Und können sie dir auch Dinge sagen, die du vielleicht gar nicht hören möchtest?

Ich finde diese Fragen selbst nicht besonders bequem. Aber vielleicht müssen gute Fragen das auch nicht immer sein.

Vielleicht besteht Entwicklung gar nicht darin, irgendwann nichts mehr persönlich zu nehmen, nie wieder laut zu werden und auf jede Verletzung mit der Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs zu reagieren. 
Das wäre zumindest für mich ein ambitioniertes Projekt. 😉

Ich glaube, Entwicklung zeigt sich viel unspektakulärer. Zwischen dem Moment, in dem mich etwas trifft, und dem Moment, in dem ich darauf reagiere, ist heute mehr Platz.

Nicht immer gleich viel. Aber mehr. Ich kenne mich besser. Ich kenne meine Trigger. Und ich kenne auch meine Waffen inzwischen.

Deshalb muss ich sie nicht jedes Mal benutzen.

Vielleicht ist das schon ziemlich viel. Denn ein berechtigtes Gefühl macht nicht automatisch jede Reaktion darauf richtig. Ich kann vollkommen zu Recht wütend sein und trotzdem mit meinen Worten eine Grenze überschreiten. Ich kann für Gerechtigkeit kämpfen und dabei selbst ungerecht werden. Und ich kann verletzt sein, ohne daraus das Recht abzuleiten, dich ebenfalls zu verletzen.

Wenn ich heute darüber nachdenke, wie Menschen sich in meiner Nähe fühlen sollen, ist meine Antwort erstaunlich einfach.

Bei mir darfst du du selbst sein.

Ich möchte, dass du dich angenommen fühlst, so wie du bist. Nicht weil ich alles an dir gut finden muss. Nicht weil wir niemals aneinandergeraten werden. Und ganz sicher nicht, weil ich immer perfekt reagieren werde. Sondern weil ich lernen möchte, einen Unterschied zu machen: zwischen dir und dem, was gerade zwischen uns passiert.

Wir können ein Problem miteinander haben. Aber du bist nicht das Problem. 

Vielleicht ist genau das eine der größten Aufgaben in einer Verbindung. Das Herz eines anderen nicht nur dann sorgsam zu behandeln, wenn unser eigenes gerade satt, glücklich und entspannt ist. Sondern besonders dann, wenn es selbst weh tut. Denn genau dort zeigt sich vielleicht, ob Sicherheit nur ein schönes Wort ist oder etwas, das wir tatsächlich miteinander leben.

Und so komme ich am Ende bei einem Satz an, der für mich die bisherige Reihe verändert.

Ich möchte nicht nur fragen:

Ist mein Herz bei dir sicher?

Ich möchte mich genauso fragen:

Ist dein Herz bei mir sicher?

Auch wenn wir streiten. Auch wenn du anders bist als ich. Auch wenn du mich enttäuschst. Auch wenn ich eine Grenze setzen muss. Auch wenn mein eigenes Herz gerade verletzt ist. Vielleicht kann ich dir nicht versprechen, dass ich dir niemals wehtun werde. Aber ich kann Verantwortung dafür übernehmen, wie ich mit dir umgehe. Ich kann zuhören. Ich kann mich entschuldigen. Ich kann mein Verhalten verändern. Ich kann zurückkommen.

Und ich kann versuchen, auch mitten in einem Sturm etwas nicht aus den Augen zu verlieren:

Dein Herz darf bei mir sicher sein, auch wenn meines gerade weh tut.

Und falls doch einmal ein paar Gartenstühle umfallen… stelle ich sie heute wenigstens nicht einfach kommentarlos wieder hin und frage: „Kaffee?“

Obwohl…

Kaffee danach wäre trotzdem schön. 😉

💚

Fortsetzung folgt.

Denn vielleicht bleibt nach all diesen Gedanken noch eine der schwierigsten Fragen:

Was braucht es eigentlich, damit zwei Herzen sich gegenseitig Sicherheit geben können, ohne sich selbst dabei zu verlieren?

Manchmal beginnt Veränderung mit einer einzigen Frage. Vielleicht war heute deine dabei. 💚

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Kommentare

Jasmin Gerdes
Vor einem Tag

Wahnsinn, ich finde mich auch in diesem Blog absolut wieder. Vielleicht weil auch mein Vertrauen oft missbraucht wurde oder Worte gefallen sind, die mich verletzt haben. Aber auch ich habe verletzt und andere enttäuscht.Ich finde es auch so wichtig, dass man wütend sein darf. Egal ob ich verletzt habe oder verletzt worden bin. Wichtig ist es doch, sich bewusst zu werden, Dass wir alle nur Menschen sind, mit Schwächen, Ängsten und Enttäuschungen . Ich habe für mich nur irgendwann entschieden. Das Vergebung der bessere Weg ist, weil es damit mir besser geht. Ich hab meinen inneren Frieden gefunden. Das ist glaube ich das wichtigste im Leben. Ich glaube wirklich starke Beziehungen halten sowas aus und finden auch zueinander. Das habe ich am eigenen Leib erlebt und bin sehr dankbar dafür. Was für ein wunderschöner Blog. Vielen Dank Alex🙏