Wo darf mein Herz wohnen? – Teil 3
In den letzten beiden Artikeln habe ich mich gefragt, ob mein Herz bei einem anderen Menschen sicher ist und wann es eigentlich gelernt hat, vorsichtig zu werden.
Für diesen dritten Teil wollte ich es deshalb andersherum versuchen: Woran merke ich denn überhaupt, dass mein Herz sich sicher fühlt?
Ich dachte, darauf würde mir schon etwas einfallen. Tat es auch. Allerdings nicht unbedingt das, was ich erwartet hatte. Denn als ich überlegte, bei wem ich mich vollkommen sicher fühle, war meine erste Antwort:
Allein.
Uff.
Das fand ich im ersten Moment ziemlich traurig.
Natürlich gibt es Menschen, bei denen ich mich sicher fühle. Mein Sohn gehört dazu. Meine Mutter auch. Sie liebt mich, daran habe ich keinen Zweifel - wobei ich in ihrer Gegenwart durchaus auch mal gereizt bin. Wir wollen hier schließlich bei der Wahrheit bleiben. 😉 Meine Familie generell.
Auch bei einigen wenigen Menschen in meinem Umfeld kann ich sehr ich selbst sein. Ich würde sogar sagen: zu ungefähr 89 Prozent.
Warum 89? Keine Ahnung. Aber 100 wären gelogen. 😂
Und trotzdem: Am freiesten bin ich, wenn ich alleine bin.
Warum eigentlich?
Irgendwann habe ich verstanden, dass das gar nicht unbedingt etwas mit Einsamkeit zu tun hat. Wenn ich alleine bin, muss ich auf niemanden reagieren. Ich nehme keine Stimmung wahr, muss nichts einordnen, nichts auffangen und mich zu niemandem ins Verhältnis setzen. Das Resonanzfeld ist, um es in meiner Sprache zu sagen, schlicht auf mich beschränkt.
Herrlich übersichtlich. 😉
Ich kann mich selbst hören. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Denn ich bin ziemlich gut darin geworden, mich auf Situationen und Menschen einzustellen. So gut, dass es meistens automatisch passiert. Ich betrete einen Raum, nehme wahr, was dort los ist, und passe mich den Gegebenheiten an.
Ein menschliches Chamäleon sozusagen.
Das ist durchaus eine Fähigkeit. Gerade in meiner Arbeit mit Menschen ist sie sogar ausgesprochen wertvoll. Nur sollte ein Chamäleon irgendwann auch einmal Feierabend haben. Denn wenn ich zu lange wahrnehme, reagiere, mich einstelle und mitgehe, passiert etwas ziemlich Unspektakuläres: Ich werde gereizt.
Vielleicht ist meine Gereiztheit manchmal gar nicht das eigentliche Problem. Vielleicht ist sie nur die etwas uncharmante Mitteilung meines Systems:
„Hallo? Könnten wir vielleicht auch mal wieder nach uns schauen?“
Und natürlich passiert diese Anpassung nicht nur in Liebesbeziehungen. Vielleicht sind wir bei einer Freundin immer diejenige, die zuhört. In der Familie die Starke. Im Beruf die Unkomplizierte. Bei unseren Eltern werden wir manchmal, völlig unabhängig von unserem Alter, wieder ein bisschen Kind.
Wir haben erstaunlich viele Versionen von uns im Schrank – und die meisten ziehen wir an, ohne darüber nachzudenken. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Zusammenleben braucht Rücksicht. Beziehungen brauchen die Fähigkeit, aufeinander einzugehen.
Die Frage ist für mich inzwischen eine andere:
Kann ich mich auf dich einstellen, ohne mich dabei selbst zu verlassen?
Besonders deutlich merke ich das bei mir, wenn ich an vergangene Liebesbeziehungen denke. Da kenne ich nämlich einen Gedanken ziemlich gut:
Bloß nicht anstrengend sein.
Was an sich schon anstrengend ist, weil ich bis heute nicht so genau weiß, was eigentlich so anstrengend an mir sein soll. 😂
Aber genau darin steckt etwas, das mich nachdenklich macht. Wie sicher kann sich ein Herz fühlen, wenn ein Teil von uns gleichzeitig damit beschäftigt ist, die eigene Zumutbarkeit zu überprüfen?
Bin ich gerade zu viel? Rede ich zu viel? Brauche ich zu viel? Bin ich zu emotional, zu laut, zu eigenwillig?
Vielleicht kennst du diese Fragen in einer ganz anderen Form. Vielleicht bist du nicht „zu viel“. Vielleicht möchtest du bloß nicht schwierig sein. Nicht empfindlich. Nicht bedürftig. Nicht egoistisch. Vielleicht bist du der Mensch, der lieber noch einmal schluckt, bevor er etwas anspricht. Wir möchten Verbindung und während wir uns annähern, beobachten wir uns selbst dabei.
Das ist ein merkwürdiger Spagat. Und vielleicht beginnt Sicherheit genau dort, wo wir damit langsam aufhören können.
Vielleicht kennst du einen Menschen, bei dem du erst im Nachhinein bemerkst, wie entspannt du während eurer gemeinsamen Zeit warst. Du hast nicht darüber nachgedacht, was du sagst. Du hast nicht jedes Gesichtszucken interpretiert. Du warst einfach da.
Und vielleicht kennst du auch das Gegenteil: einen Menschen, den du durchaus liebst und nach dessen Besuch du trotzdem erst einmal Ruhe brauchst.
Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Eine wichtige Erkenntnis war für mich "Liebe ist nicht automatisch Sicherheit".
Wir können einen Menschen von Herzen lieben und uns trotzdem an bestimmten Stellen vor ihm schützen. Wir können uns seit Jahrzehnten kennen und trotzdem nicht alles zeigen. Und manchmal fühlen wir uns bei jemandem erstaunlich schnell sicher, obwohl wir uns noch gar nicht lange kennen.
Liebe, Vertrautheit und Sicherheit sind offenbar nicht dasselbe.
Vertrautheit wächst mit gemeinsamer Geschichte. Liebe verbindet uns. Aber Sicherheit entsteht für mich dort, wo ich mit dem, was ich von mir zeige, nicht um meinen Platz fürchten muss. Wo eine andere Meinung nicht gleich die Beziehung bedroht. Wo ein Nein ein Nein sein darf. Wo ein schlechter Tag nicht bedeutet, dass plötzlich alles infrage steht. Und wo ich nicht ständig darüber nachdenken muss, welche Version von mir gerade am angenehmsten wäre.
Ich habe mich gefragt, woran ich merken würde, dass ich einem Menschen wirklich vertraue. Und meine Antwort war erstaunlich einfach:
Ich würde wieder läppisch werden.
Kindlich.
Albern.
Ich würde Quatsch machen, ohne anschließend zu überlegen, ob das jetzt meinem Alter angemessen war. Ich könnte herumblödeln, lachen, vielleicht auch einmal völlig überdreht sein, ohne innerlich sofort den Erwachsenenrat einzuberufen.
Diese Seite von mir ist nämlich da. Und sie ist ziemlich lebendig. Aber sie kommt nicht überall heraus.
Vielleicht ist Albernheit sogar ein unterschätztes Zeichen von Vertrauen. Denn wer albern ist, kontrolliert für einen Moment nicht, wie er wirkt. Man zeigt sich einfach. Und genau das braucht Sicherheit.
Auf der anderen Seite steht etwas sehr viel Verletzlicheres.
Ich möchte meine Geschichte erzählen können. Auch die Kapitel, auf die ich nicht stolz bin. Die Dinge, die wehgetan haben. Entscheidungen, die ich heute vielleicht anders treffen würde. Erfahrungen, die zu mir gehören, ohne dass sie mich vollständig beschreiben. Und ich möchte dabei nicht beobachten müssen, wie sich der Blick meines Gegenübers verändert. Vielleicht ist das für mich eine der tiefsten Formen von Sicherheit:
Ich kann dir meine albernste und meine verletzlichste Seite zeigen und muss bei keiner von beiden fürchten, in deinen Augen an Wert zu verlieren.
Auch in einer sicheren Verbindung können wir einander verletzen. Wir haben schlechte Tage. Sagen etwas Dummes. Missverstehen uns. Sind ungerecht. Ziehen uns zurück oder reagieren empfindlicher, als es der Situation angemessen wäre. Wir sind Menschen. Emotionale Sicherheit kann deshalb für mich nicht bedeuten, dass zwei Menschen es schaffen, sich gegenseitig niemals wehzutun.
Viel entscheidender ist, was danach passiert.
Können wir miteinander reden?
Wahrhaftig?
Nicht dieses „Ist doch alles gut“, obwohl überhaupt nichts gut ist. Können wir sagen, was wehgetan hat, ohne den anderen dabei kleinzumachen?
Können wir uns wieder annähern?
Und ja, für mich gehört dazu auch körperliche Nähe. Eine Umarmung. Eine Hand, die meine hält. Dieses ganz einfache körperliche Signal:
Wir sind noch da.
Ich glaube, unser Körper versteht manchmal schneller als unser Kopf, dass eine Verbindung nicht verloren gegangen ist. Aber auch hier gilt: Eine Umarmung allein repariert nichts. Wenn Worte und Verhalten dauerhaft nicht zusammenpassen, bleibt irgendwann nur Gerede.
Ich brauche keine perfekten Worte. Ich brauche wahrhaftige. Und ich brauche die Erfahrung, dass ihnen Taten folgen.
Vielleicht ist mein Herz also gar nicht dort sicher, wo mir niemals wehgetan wird.
Vielleicht ist es dort sicher, wo ich darauf vertrauen kann, dass wir sorgsam mit dem umgehen, was zwischen uns wehgetan hat.
Das gilt für eine Partnerschaft genauso wie für eine Freundschaft, die Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern oder jede andere Verbindung, die uns wirklich etwas bedeutet.
Wir müssen nicht immer einer Meinung sein. Wir müssen uns nicht immer verstehen. Wir müssen uns nicht einmal immer gut finden. Aber wir sollten einander nicht das Gefühl geben, dass die Verbindung jedes Mal auf dem Spiel steht, sobald es schwierig wird.
Damit komme ich wieder zu meiner ersten Erkenntnis zurück.
Ich fühle mich alleine am sichersten.
Als ich das zum ersten Mal so klar gedacht habe, hat es mich traurig gemacht. Inzwischen sehe ich es anders. Vielleicht ist das Alleinsein für mich einfach der Ort, an dem ich bereits weiß, wie sich innere Freiheit anfühlt. Ich kenne dieses Gefühl. Ich weiß, wie es ist, vollkommen bei mir zu sein. Und vielleicht muss eine tiefe Verbindung mir dieses Gefühl gar nicht nehmen. Vielleicht wäre genau das die schönste Form von Nähe:
Du bist da.
Ich bin da.
Ich nehme dich wahr, ohne mich dabei selbst zu verlassen. Deine Stimmung darf deine sein. Meine darf meine bleiben. Wir können uns begegnen, ohne dass einer von uns verschwinden muss.
Vielleicht erkenne ich einen sicheren Menschen irgendwann genau daran:
In seiner Nähe fühle ich mich fast so frei wie allein.
Nicht, weil er mir egal ist. Sondern weil ich in seiner Nähe nicht aufhören muss, ich selbst zu sein.
Und möglicherweise sitze ich dann irgendwann neben diesem Menschen, merke, dass mein inneres Chamäleon gerade überhaupt nichts zu tun hat, und stelle ganz erstaunt fest:
Ach schau. Ich bin immer noch da.
💚
Vielleicht beginnt Veränderung mit einer einzigen Frage. Vielelicht war heute deine dabei 🩷
Bis zum nächsten Artikel
Deine 🌙Alessandra
Fortsetzung folgt.
Denn irgendwann dürfen wir die Frage dieser Reihe auch umdrehen.
Nicht nur: Ist mein Herz bei dir sicher? Sondern auch: Ist dein Herz bei mir sicher?
Kommentar hinzufügen
Kommentare
Wieder mal ein sehr schöner Beitrag💝 Ich musste wirklich lange drüber nachdenken, was für mein Herz Sicherheit bedeutet. Ohne jetzt die nächsten Blog vorwegzunehmen, denke ich Sicherheit für mein Herz gibt es da, wo ich selber Sicherheit Vermittler. Gebe ich meinem gegenüber das Gefühl sein zu dürfen, kann auch ich sein. Urteile und bewerte ich andere Menschen kann ich nicht Sicherheit für mich in Anspruch nehmen. Ich denke das ist ein Geben und ein nehmen. Ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, so zu sein, wie mich andere gern hätten. Damit habe ich aufgehört. Ich bin jetzt ein offenes Herz und ein offenes Ohr aber ganz ich. Vielleicht nicht immer einfach aber das ist gut so.🍀