Wo darf mein Herz wohnen? – Teil 2
Als Kinder stellen wir eine erstaunlich mutige Frage nicht. Wir leben sie einfach. Wir lachen laut. Wir erzählen unsere Geheimnisse. Wir weinen, wenn uns danach ist. Wir nehmen jemanden an die Hand, weil wir ihn mögen. Wir verschenken unser Herz, ohne vorher zu überlegen, ob es sicher ist.
Irgendwann verändert sich etwas. Nicht an einem einzigen Tag. Nicht durch ein einziges Erlebnis. Sondern ganz langsam. Und plötzlich schenken wir unser Herz nicht mehr so selbstverständlich her.
Wir prüfen. Beobachten. Warten. Und manchmal ziehen wir uns zurück, noch bevor überhaupt etwas passiert ist.
Ich habe mich lange gefragt:
Wann hat mein Herz eigentlich gelernt, vorsichtig zu werden?
Wenn ich in meine Kindheit zurückreise, taucht eine Erinnerung sofort auf.
Ich war fast sechs Jahre alt. Jeden Morgen saß ich fast eine Stunde im Schulbus. Ich war die Jüngste. Die Einzige in meinem Alter. Ich wurde gehänselt. Ich gehörte nicht dazu.
Ob genau dort alles begann?
Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre das zu einfach. Aber ich glaube heute, dass mein Herz damals zum ersten Mal etwas lernte. Nicht, sich zu verschließen. Sondern den Raum zu prüfen.
Bin ich hier willkommen?
Darf ich hier einfach ich sein?
Oder muss ich mich anpassen?
Vielleicht beginnt Vorsicht genau dort. Nicht mit einer großen Verletzung. Sondern mit vielen kleinen Momenten, in denen wir uns nicht richtig fühlen. Nicht passend. Nicht verstanden. Nicht dazugehörig. Und irgendwann nehmen wir einen kleinen Teil von uns zurück. Nicht aus Schwäche. Sondern aus Selbstschutz.
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, fällt mir noch etwas auf. Mein Herz war eigentlich immer mutig.
Es hat sich verliebt. Es hat vertraut. Es hat gehofft. Immer wieder. Und trotzdem war da irgendwann noch etwas anderes. Eine leise Stimme. Sie flüsterte:
“Pass auf.”
“Vielleicht wirst du wieder verlassen.”
“Vielleicht wirst du wieder enttäuscht.”
“Vielleicht tut es wieder weh.”
Mein Herz hörte nie auf, sich zu öffnen. Aber mit jeder Erfahrung wurde der Spalt ein wenig kleiner. Nicht, weil die Liebe kleiner wurde. Sondern weil die Angst mit eingezogen war.
Ich glaube, viele Menschen kennen dieses Gefühl. Sie wirken vorsichtig. Dabei sind sie in Wahrheit unglaublich mutig. Sie öffnen ihr Herz immer wieder. Obwohl sie wissen, wie sehr es schmerzen kann. Vielleicht ist ein vorsichtiges Herz gar kein verschlossenes Herz. Vielleicht ist es ein mutiges Herz, das gelernt hat, gleichzeitig zu lieben und sich auf den Schmerz vorzubereiten.
Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich an das kleine Mädchen im Schulbus.
Ich würde mich heute neben sie setzen. Ich würde ihre Hand nehmen. Und ihr sagen:
„Sei wild.“
„Sei du.“
„Diese Angepasstheit steht uns nicht.“
„Du bist wertvoll.“
Nicht irgendwann. Nicht wenn dich alle mögen. Nicht wenn du perfekt bist. Jetzt. Genau so.
Vielleicht besteht Heilung gar nicht darin, wieder so unbeschwert zu werden wie früher. Vielleicht besteht Heilung darin, unserem Herzen zu zeigen, dass heute vieles anders ist. Dass wir heute wählen dürfen. Dass wir gehen dürfen. Dass wir bleiben dürfen. Dass wir Nein sagen dürfen. Und dass wir uns nicht mehr verbiegen müssen, um dazuzugehören. Vielleicht braucht unser Herz gar keinen Mut. Vielleicht braucht es nur immer wieder die Erfahrung:
„Du bist willkommen.“
Vielleicht beginnt genau dort etwas Neues. Nicht, weil unsere Vergangenheit verschwindet. Sondern weil wir aufhören, gegen sie zu kämpfen.
Unser vorsichtig gewordenes Herz wollte uns nie klein machen. Es wollte uns beschützen. Vielleicht dürfen wir ihm heute zum ersten Mal sagen:
„Danke.“ 🩷
Danke, kleines Herz, dass du damals getan hast, was du konntest, um mich zu schützen. Heute passe ich auf uns auf.
Und vielleicht…
kann ich deshalb heute auch milder auf die Menschen schauen, die mich verletzt haben. Nicht, weil das, was geschehen ist, plötzlich richtig war. Sondern weil ich heute ahne, dass auch sie einmal ein Herz hatten, das gelernt hat, vorsichtig zu werden. Das entschuldigt nichts. Aber es verändert meinen Blick. Es lässt mich weniger urteilen. Und mehr verstehen.
Vielleicht beginnt Mitgefühl genau dort. Nicht in der Vergangenheit. Sondern in der Entscheidung, heute bewusster zu lieben als gestern.
💚
Danke, dass ich dich ein Stück auf deinem Weg begleiten durfte. Vielelicht sehen wir uns im nächsten Artikel wieder.
Eure 🌙Alessandra
Fortsetzung folgt…
Im nächsten Teil gehen wir einer weiteren Frage nach:
Woran erkennt ein Herz eigentlich, dass es wieder sicher ist?
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