Wo darf mein Herz wohnen? – Teil 6
„Du musst gerade gar nichts machen. Ich kümmere mich. Verlass dich einfach auf mich.“
Als ich mir vorstellte, jemand würde das zu mir sagen, hatte ich erstaunlich schnell ein Bild im Kopf: Mein inneres Kind hüpft vor Freude und mein erwachsenes Ich legt die Beine hoch und gönnt sich einen Aperol Spritz. 😂
Keine Gegenwehr. Kein empörtes „Ich kann das schon alleine!“
Eher das Gegenteil. Ganz ehrlich, ich glaube, mein ganzes System würde herunterfahren.
Wenn es sich bewahrheitet!
Dieser kleine Nachsatz kam ziemlich schnell hinterher. Und vermutlich steckt darin mehr, als mir zunächst bewusst war.
Nehmen wir einmal an, ich wäre erschöpft und ein Mensch, der mir nahesteht, würde sagen:
„Leg dich hin. Ich habe eingekauft, ich kümmere mich ums Essen und mit Louie gehe ich später raus. Du machst heute nichts.“
Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich das könnte.
Ja.
Ich glaube, ich würde tatsächlich liegen bleiben. Oder baden gehen. Oder irgendetwas tun, das ich mir sonst zu selten erlaube, weil immer noch etwas erledigt werden könnte. Und vermutlich würde mich das Ganze ziemlich berühren. Denn so selbstverständlich kenne ich diese Erfahrung nicht. Nicht mitdenken zu müssen, nicht organisieren zu müssen, für einen Moment nicht verantwortlich zu sein. Einfach darauf vertrauen:
Du machst das. Und ich darf loslassen.
Das klingt herrlich.
Bis ich die Situation ein kleines bisschen verändere. Denn offenbar macht es einen gewaltigen Unterschied, ob jemand von sich aus sagt:
„Ich helfe dir.“ Oder ob ich selbst sagen muss: „Ich brauche deine Hilfe.“
Uff.
Da war er.
„Ich brauche dich“ ist ein ziemlich großer Satz.
Ich habe in meinem Leben durchaus Hilfe bekommen. Manchmal sogar sehr großzügige. Finanzielle Unterstützung, liebevolle Gesten, Menschen, die etwas für mich getan oder mir etwas ermöglicht haben. Ich nenne solche Dinge gerne Segnungen 🩷. Vielleicht klingt das für manche etwas groß. Ich mag das Wort trotzdem. Denn manches, was mir im richtigen Moment begegnet ist, hat sich für mich genau so angefühlt. Und ja, ich konnte diese Segnungen annehmen. Nicht immer ganz leicht, aber ich konnte. Ich glaube auch nicht, dass jede Segnung unbedingt zu dem Menschen zurückkehren muss, von dem sie gekommen ist.
Ich habe dafür irgendwann meine eigene Haltung gefunden:
Ich gebe die Segnung 🩷 weiter.
Vielleicht begegnet mir Jahre später jemand, der gerade etwas braucht. Geld, Zeit, Unterstützung, ein offenes Ohr oder einfach einen Menschen, der für einen Moment da ist. Wenn ich es geben kann, gebe ich. Nicht, um irgendeine alte Rechnung auszugleichen. Es ist eher das Gefühl: Mir ist etwas Gutes begegnet und jetzt darf etwas Gutes durch mich weitergehen.
Segnungen 🩷 müssen nicht zurück. Sie dürfen weiter.
Eigentlich ein wunderschöner Kreislauf. Also nein: Empfangen scheint gar nicht mein größtes Problem zu sein. Aber darum bitten? Noch einmal: Uff. 😩
Was, wenn du Nein sagst?
Wenn mir jemand Hilfe anbietet, weiß ich bereits, dass er bereit ist.
Wenn ich selbst darum bitte, weiß ich gar nichts.
Ich muss mich mit meinem Bedürfnis zeigen, bevor ich deine Antwort kenne. Und plötzlich tauchen bei mir einige ziemlich unangenehme Möglichkeiten auf.
Was, wenn du mich ablehnst? Was, wenn ich dir zur Last falle? Was, wenn ich mich erst ausführlich erklären muss, damit mein Bedürfnis überhaupt berechtigt erscheint?
Und dann ist da noch dieses Thema Abhängigkeit. Das macht etwas mit mir.
Solange ich alles selbst erledige, habe ich die Kontrolle. Ich muss niemanden fragen, auf niemanden warten und kann auch nicht enttäuscht werden. Herrlich übersichtlich. 😉 Hat nur einen kleinen Haken: Dann muss ich eben auch verdammt viel selbst tragen.
Vielleicht kennst du das. Vielleicht kannst auch du Hilfe durchaus annehmen, wenn sie dir angeboten wird. Aber wie fühlt es sich an, selbst zum Telefon zu greifen und zu sagen:
„Kannst du mir helfen?“
Fällt dir sofort ein Mensch ein, den du anrufen könntest? Oder beginnt dein Kopf schon vorher zu verhandeln?
So schlimm ist es doch gar nicht. Das bekomme ich schon irgendwie hin. Der andere hat schließlich selbst genug um die Ohren.
Vielleicht ist es gar nicht das Annehmen, das dir schwerfällt. Vielleicht ist es der Moment davor: dich mit deinem Bedürfnis überhaupt zu zeigen.
Muss ich mein Bedürfnis eigentlich begründen?
Dieser Gedanke beschäftigt mich besonders.
Natürlich darf ein anderer Mensch Nein sagen. Sich auf jemanden verlassen zu können bedeutet schließlich nicht, dass alle um mich herum jederzeit springen müssen, sobald ich etwas brauche. Aber es gibt unterschiedliche Arten von Nein.
„Ich würde dir gerne helfen, aber heute schaffe ich es nicht.“ fühlt sich für mich anders an als: „Warum brauchst du dafür überhaupt Hilfe?“
Das eine sagt etwas über die Möglichkeiten des anderen. Das andere kann dazu führen, dass ich plötzlich mein Bedürfnis verteidige.
Warum ich erschöpft genug bin.
Warum ich das nicht selbst erledigen kann.
Warum ich überhaupt gefragt habe.
Und vielleicht liegt genau hier eine Form von Sicherheit, über die ich bisher noch gar nicht nachgedacht habe:
Mein Bedürfnis darf bei dir sein, auch wenn du es gerade nicht erfüllen kannst.
Ich muss nicht beweisen, dass mein Problem groß genug ist. Und du musst nicht Ja sagen, damit ich mich von dir gesehen fühle. Vielleicht darf beides gleichzeitig da sein:
Ich brauche gerade Unterstützung. Und: Du kannst sie mir gerade nicht geben.
Bei wem möchte ich mich überhaupt fallen lassen?
Beim Nachdenken ist mir noch etwas wichtig geworden. Sich fallen lassen zu können heißt für mich nicht, mich jedem Menschen anzuvertrauen. Ganz im Gegenteil. Vielleicht gehört dazu sogar ziemlich viel Klarheit darüber, bei wem ich es überhaupt möchte. Nicht jede ausgestreckte Hand muss meine sein. Nicht jeder Mensch bekommt automatisch Zugang zu meiner verletzlichen Seite, nur weil er ihn gerne hätte. Und Selbstständigkeit ist nichts, das wir überwinden müssten, um besonders beziehungsfähig zu sein.
Vielleicht gehörst du sogar zu den Menschen, die ausgesprochen gut für andere da sein können. Du hörst zu. Du hilfst. Du organisierst. Du bemerkst manchmal schon, dass etwas nicht stimmt, bevor dein Gegenüber überhaupt darum gebeten hat.
Aber wie fühlt es sich an, wenn sich die Richtung umkehrt?
Wenn nicht du die Hand reichst – sondern eine brauchst?
Und wem würdest du sie tatsächlich entgegenstrecken?
Ich glaube, diese Frage ist mindestens genauso wichtig wie die Frage, ob wir Hilfe annehmen können. Denn fallen lassen möchte ich mich dort, wo ich genügend Erfahrungen gesammelt habe, um zu glauben:
Du gehst sorgsam mit dem um, was ich dir gerade anvertraue.
Brauchen ist nicht dasselbe wie abhängig sein.
Vielleicht ist das für mich der schwierigste Teil.
„Ich brauche dich“ klingt schnell nach: Ohne dich kann ich nicht.
Aber stimmt das überhaupt? Ich kann vieles alleine. Ich habe vieles alleine geschafft.
Vielleicht muss ich mir das gar nicht ständig aufs Neue beweisen. Es könnte sogar eine andere Form von Freiheit darin liegen, zu wissen: Ich könnte es alleine – aber ich muss es nicht immer.
Jemanden zu brauchen bedeutet nicht zwangsläufig, ohne ihn hilflos zu sein. Und sich anzulehnen bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben. Manchmal möchte ich vielleicht einfach sagen dürfen: „Kannst du mich gerade ein Stück mittragen?“
Mehr nicht. Kein für immer. Kein ohne dich kann ich nicht. Einfach: gerade jetzt.
Fallenlassen klingt romantischer, als es ist.
Bei „sich fallen lassen“ denke ich schnell an Vertrauen, Geborgenheit und dieses wunderschöne Gefühl: Ich bin aufgefangen.
Aber bevor mich jemand auffangen kann, muss ich ihm überhaupt die Möglichkeit geben, für mich da zu sein. Und das kann schon bei einem ziemlich unspektakulären Satz beginnen:
„Ich brauche gerade Hilfe.“ Oder: „Mir geht es gerade nicht gut.“
Und dann nicht fünf Minuten später das Thema wechseln und fragen, wie es dem anderen eigentlich geht. Vielleicht auch einmal sagen:
„Ich weiß gerade nicht weiter.“
Ohne im nächsten Satz schon drei eigene Lösungsvorschläge hinterherzuschieben. Ich merke beim Schreiben, dass mir das deutlich schwerer fällt als ein freundliches:
„Danke, das nehme ich gerne an.“
Vielleicht beginnt sich fallen lassen tatsächlich mit der Erlaubnis, dass jemand sehen darf: Gerade kann ich etwas nicht allein.
Ich möchte trotzdem nicht Buch führen.
Wenn jemand etwas für mich tut, möchte ich auch für diesen Menschen da sein. Das empfinde ich nicht als Last. Für mich gehört Gegenseitigkeit zu Verbindung. Aber Gegenseitigkeit ist keine Buchhaltung. Heute trägst du vielleicht mehr. Irgendwann bin ich diejenige, die mehr geben kann. Vielleicht trägt uns zwischendurch jemand ganz anderes. Eine gute Verbindung muss für mich nicht jeden Tag fünfzig-fünfzig sein. Problematisch würde es dort, wo die Waage dauerhaft nur noch in eine Richtung zeigt und einer selbstverständlich trägt, während der andere sich gemütlich mit seinem Aperol zurücklehnt.
So war das natürlich nicht gedacht. 😂 Auch Empfangen braucht Achtsamkeit. Aber eben keine sofortige Rückzahlung.
Darf man etwas einfach annehmen, dankbar sein und darauf vertrauen, dass das Leben einem irgendwann zeigen wird, wo man selbst wieder etwas weitergeben kann?
Vielleicht ist das die größere Freiheit.
Ich habe lange geglaubt, Freiheit habe viel damit zu tun, unabhängig zu sein. Das stimmt für mich noch immer. Ich möchte auf meinen eigenen Beinen stehen können. Aber vielleicht gehört zur Freiheit auch, mich einmal hinsetzen und anlehnen zu dürfen. Eine ausgestreckte Hand zu nehmen und genauso selbstverständlich selbst eine auszustrecken, wenn jemand anderes sie braucht.
Vielleicht ist wahre Unabhängigkeit gar nicht: Ich brauche niemanden. Vielleicht ist sie auch die Gewissheit: Ich verliere mich nicht, wenn ich jemanden brauche.
Das lässt für mich beides nebeneinander bestehen. Meine Eigenständigkeit und diese große Sehnsucht nach einem Menschen, bei dem mein System irgendwann tatsächlich herunterfahren kann. Bei dem ich nicht ständig prüfen muss, ob das Gesagte morgen noch gilt. Denn Vertrauen entsteht für mich nicht dadurch, dass jemand sagt: „Du kannst dich auf mich verlassen.“ Es entsteht irgendwann durch die Erfahrung: Ich habe mich auf dich verlassen. Und du warst da.
Vielleicht bedeutet sich fallen lassen für mich genau das:
Ich möchte weiterhin auf meinen eigenen Beinen stehen können. Aber ich muss nicht alles allein tragen. Und ich darf dich brauchen, ohne mich dabei selbst zu verlieren.
Manchmal beginnt Veränderung mit einer einzigen Frage. Vielleicht war heute deine dabei. 💚
Vom Lesen ins Erleben 🩷
Dieses Thema möchte ich nicht nur im Blog bewegen. Deshalb wird auch dieser Artikel wieder zu einem 🌙Impulsabend.
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