Wieviel von mir habe ich unterwegs zurückgelassen?

Veröffentlicht am 27. Oktober 2026 um 12:47

Wo darf mein Herz wohnen? – Teil 7

Neulich habe ich etwas über mich herausgefunden, das mich ziemlich überrascht hat. Ich dachte nämlich, ich hätte mit bestimmten Dingen längst meinen Frieden gemacht. Schließlich beschäftige ich mich schon seit vielen Jahren mit mir selbst, meinen Verhaltensmustern und den Erfahrungen, die mich geprägt haben.

Man könnte also meinen, ich kenne mich inzwischen ganz gut.

Tja. Man könnte.

Während ich über frühere Entscheidungen und die Frau nachdachte, die ich einmal war, tauchte plötzlich ein Wort auf, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Kapitulation.

Uff.

Das war jetzt nicht unbedingt die Erkenntnis, auf die ich gewartet hatte.

Ich hatte geglaubt, manche Dinge einfach akzeptiert zu haben. Dass ich mich verändert hatte, ruhiger und vielleicht auch vernünftiger geworden war. Dass bestimmte Seiten meiner Persönlichkeit eben nicht mehr so wichtig für mich waren.

Aber hatte ich wirklich meinen Frieden damit gemacht? Oder hatte ich irgendwann einfach aufgehört, ihnen Raum zu geben?

Und plötzlich stand eine Frage im Raum, die mich nicht mehr losließ:

Wie viel von mir habe ich unterwegs eigentlich zurückgelassen?

Wann haben wir angefangen, uns selbst zu korrigieren?

Wenn ich Kinder beobachte, staune ich immer wieder über ihre Selbstverständlichkeit.

Sie lachen laut, stellen Fragen, die uns Erwachsene gelegentlich ziemlich in Verlegenheit bringen, und zeigen ihre Gefühle oft mit einer Direktheit, die wir uns längst abgewöhnt haben.

Natürlich müssen Kinder lernen, Rücksicht zu nehmen. Und auch wir Erwachsenen können nicht jeden Gedanken ungefiltert in die Welt hinausposaunen. Das könnte beim nächsten Familienfest für interessante Gespräche sorgen. Allerdings vermutlich nur einmal.

Aber irgendwann lernen viele von uns noch etwas anderes: welche Seiten unserer Persönlichkeit willkommen sind und welche eher nicht. Vielleicht warst du als Kind besonders lebhaft und hast ständig gehört, du sollst dich zusammenreißen. Vielleicht warst du empfindsam und hast gelernt, dass Tränen unerwünscht sind. Oder du warst neugierig, mutig und ein bisschen unangepasst, bis dir jemand deutlich machte, dass sich das nicht gehört.

Manchmal reicht ein einziger Satz, der uns tief trifft. Manchmal sind es viele kleine Erfahrungen, die sich über Jahre ansammeln. Wir werden vorsichtiger, angepasster oder besonders bemüht, alles richtig zu machen. Und das funktioniert häufig sogar ziemlich gut. Wir bekommen Anerkennung, vermeiden Konflikte und fühlen uns vielleicht sogar sicherer. Bis wir irgendwann feststellen, dass wir uns selbst kaum noch erlauben, aus dieser Rolle herauszutreten.

Kennst du eine Eigenschaft an dir, die früher ganz selbstverständlich war und die du heute kaum noch zeigst?

Und weißt du eigentlich, wann du damit aufgehört hast?

Wenn fremde Urteile zu unseren eigenen werden

Was mich an diesem Thema besonders beschäftigt, ist die Frage, wie lange wir die Bewertungen anderer mit uns herumtragen. Denn irgendwann brauchen wir die Menschen, die uns ursprünglich beurteilt haben, überhaupt nicht mehr.

👉 Wir erledigen das selbst.

Vielleicht hat dir jemand vermittelt, dass du zu laut bist. Heute hältst du dich zurück, bevor überhaupt jemand etwas sagen könnte.

Vielleicht wurde deine Begeisterung belächelt. Heute erzählst du lieber erst von einer Idee, wenn sie schon ziemlich ausgereift ist.

Oder du hast irgendwann Entscheidungen getroffen, auf die du heute anders blickst. Du hast daraus gelernt, dich verändert und vielleicht sogar längst Verantwortung übernommen.

Trotzdem gibt es da noch diese innere Stimme, die gelegentlich alte Geschichten hervorholt. Und schon sitzt du wieder auf der Anklagebank. Ich habe bei mir selbst etwas Ähnliches entdeckt. Ich hatte bestimmte Bewertungen aus meiner Vergangenheit so tief übernommen, dass ich sie irgendwann für meine eigenen hielt. Und statt sie zu hinterfragen, versuchte ich, ihnen etwas entgegenzusetzen. Besonders richtig zu handeln. Besonders verantwortungsvoll zu sein. Möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

Bis mir ein Gedanke kam, der mich ziemlich getroffen hat:

Ich wurde selbst zum Richter, statt zum Erlöser.

Wie lange hatte ich eigentlich versucht, mich für etwas zu rehabilitieren, das längst hinter mir lag? Und vor wem überhaupt?

Ich glaube, das ist eine Frage, die wir uns viel häufiger stellen könnten.

Vielleicht hast du dich irgendwann für einen Fehler geschämt und versuchst bis heute, besonders perfekt zu sein. Vielleicht möchtest du unbedingt als stark gelten, weil du einmal als schwach bezeichnet wurdest. Oder du bist immer für andere da, weil du irgendwann gelernt hast, dass du nur dann wirklich gebraucht wirst.

Wie viel von dem, was du heute für deine Persönlichkeit hältst, ist tatsächlich Ausdruck deiner Werte? Und wie viel davon ist vielleicht der Versuch, ein altes Urteil zu widerlegen?

Wenn Schutz zur Gewohnheit wird

Natürlich passen wir uns nicht grundlos an.

Wer sich zurückhält, wird möglicherweise seltener kritisiert. Wer immer freundlich bleibt, vermeidet manchen Konflikt. Und wer sich besonders bemüht, alles richtig zu machen, muss sich vielleicht weniger mit Ablehnung auseinandersetzen. Das kann sich durchaus sicher anfühlen. Vielleicht waren bestimmte Verhaltensweisen zu einem Zeitpunkt in unserem Leben sogar ausgesprochen hilfreich. Aber was uns einmal geschützt hat, muss uns nicht für immer guttun.

Manchmal halten wir die Grenzen, die wir uns zum Schutz gesetzt haben, irgendwann für unsere Persönlichkeit.

Dieser Gedanke beschäftigt mich sehr.

Denn wenn ich lange genug davon überzeugt bin, dass ich eben nicht mutig, nicht spontan oder nicht besonders durchsetzungsfähig bin, werde ich vermutlich auch kaum noch Gelegenheiten suchen, diese Seiten an mir zu entdecken.

Und irgendwann fühlt sich die Begrenzung ganz selbstverständlich an.

So bin ich eben.

Aber bin ich wirklich so?

Oder habe ich irgendwann gelernt, dass es sicherer ist, mich so zu verhalten?

Was müsste ich möglicherweise riskieren, wenn ich wieder mehr von mir zeigen würde?

Vielleicht die Meinung anderer. Vielleicht ein bisschen Kontrolle. Vielleicht müsste ich aushalten, dass nicht jeder meine Begeisterung teilt, meine Entscheidungen versteht oder meine Persönlichkeit besonders angenehm findet.

Und ja, das kann unangenehm sein.

Aber muss ich mich deshalb dauerhaft zurückhalten?

Akzeptanz oder Kapitulation?

Kommen wir zurück zu dem Wort, das mich so unerwartet erwischt hat.

Kapitulation.

Ich finde, zwischen Akzeptanz und Kapitulation liegt manchmal nur ein sehr schmaler Grat. Von außen können beide ziemlich ähnlich aussehen. Wir hören auf, etwas anzustreben. Beschäftigen uns weniger damit. Vielleicht sprechen wir irgendwann gar nicht mehr darüber.

Und sagen: „Ach, das ist mir nicht mehr wichtig.“ 
Vielleicht stimmt das. Wir verändern uns schließlich. Was uns mit zwanzig begeistert hat, muss mit fünfzig nicht mehr dieselbe Bedeutung haben. Ich persönlich bin jedenfalls ganz froh, dass sich manche Vorstellungen und modischen Vorlieben meiner Jugend erledigt haben.

Aber manchmal steckt hinter diesem Satz auch etwas anderes.

Haben wir aufgehört, uns etwas zu wünschen, weil wir zu oft enttäuscht wurden?
Zeigen wir eine bestimmte Seite von uns nicht mehr, weil sie früher auf Ablehnung gestoßen ist? Oder wir haben uns so sehr daran gewöhnt, vernünftig und angepasst zu sein, dass wir kaum noch wahrnehmen, was uns eigentlich Freude machen würde. Dann fühlt sich das Aufgeben irgendwann wie eine Entscheidung an. 

Und genau da möchte ich inzwischen genauer hinschauen.

Denn für mich bedeutet Akzeptanz, eine Veränderung anzuerkennen, ohne mich dafür abzuwerten.

Kapitulation fühlt sich eher danach an, innerlich die Tür zu schließen, obwohl dahinter noch etwas auf mich wartet.

Hast du schon einmal etwas aufgegeben und dir später erzählt, dass du es ohnehin nicht mehr wolltest?

Ich finde, diese Frage hat es in sich.

Die alte Weise und die wilde Frau

Ich mag die Frau, die ich heute bin.  Sie hat einiges erlebt, ist klarer geworden und hoffentlich auch ein gutes Stück weiser. Sie weiß inzwischen, dass nicht jede Meinung wichtig ist, dass ein Nein manchmal ausgesprochen liebevoll sein kann und dass sie nicht für alles verantwortlich ist, was andere Menschen fühlen.

Zumindest weiß sie es theoretisch. An der praktischen Umsetzung wird gelegentlich noch gearbeitet. 😉

Ich nenne sie gerne meine alte Weise.

Sie ist mir vertraut geworden. Ich schätze ihre Gelassenheit, ihre Lebenserfahrung und ihre Fähigkeit, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Aber während ich über sie nachdachte, fiel mir plötzlich etwas auf.

Warum hatte ich eigentlich angenommen, dass für diese Frau andere Seiten von mir verschwinden müssen?

Was ist mit der Unbekümmerten? Der Verspielten? Der Mutigen, die nicht immer vorher wissen muss, wie etwas ausgeht?

Und der wilden Frau, die vielleicht einfach einmal Lust hat, etwas Unvernünftiges zu tun?

Muss die alte Weise wirklich immer so vernünftig sein?

Ich stelle mir gerade vor, wie sie der wilden Frau einen Aperol reicht und sagt:

„Mädel, ich habe inzwischen einiges gelernt. Aber du darfst trotzdem noch Spaß haben!“

Dieses Bild gefällt mir ausgesprochen gut.

Denn persönliche Entwicklung bedeutet gar nicht, dass wir bestimmte Seiten von uns hinter uns lassen müssen. Können wir nicht eher lernen, sie miteinander zu verbinden?

Die wilde Frau könnte von der alten Weisen durchaus etwas über Grenzen und Selbstachtung lernen. Und die alte Weise? Die könnte sich von der Wilden gelegentlich daran erinnern lassen, dass nicht jede Erfahrung vernünftig sein muss, um wertvoll zu sein.

Ich glaube, die beiden hätten sich einiges zu erzählen. Und vermutlich ziemlich viel Spaß miteinander.

Als aus Scham plötzlich Traurigkeit wurde

Während ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte, geschah etwas, womit ich schon wieder nicht gerechnet hatte. 
Ich hatte erwartet, bei alten Bewertungen und vielleicht auch bei einem gewissen Gefühl von Scham zu landen. Stattdessen wurde ich traurig. Nicht über den Menschen, der ich früher einmal gewesen war. Sondern darüber, wie viel Mühe ich mir offenbar gegeben hatte, bestimmte Seiten von mir zurückzuhalten.

Wie selbstverständlich ich manches irgendwann aufgegeben hatte. 😞 Und wie lange ich geglaubt hatte, das sei einfach ein Zeichen meiner persönlichen Entwicklung.

Das hat mich berührt. 🩷Denn ich mag mich wirklich. 
Mit meinen Eigenheiten, meinen Widersprüchen, meinen Fehlern und meinem manchmal ziemlich eigenwilligen Kopf. Quirks and all. 
Ich bin gerne die Frau, die ich heute bin.

Und trotzdem war da plötzlich Traurigkeit. 
Ich glaube, das ist etwas, das wir uns viel öfter erlauben dürfen.

Wir können uns selbst lieben und trotzdem etwas an uns vermissen.

Wir können mit unserem Leben zufrieden sein und gleichzeitig bedauern, dass bestimmte Erfahrungen, Wünsche oder Seiten unserer Persönlichkeit wenig Raum bekommen haben. Das eine macht das andere nicht weniger wahr.

Vielleicht kennst du das auch.

Du bist stolz darauf, wie selbstständig du geworden bist. Und vermisst manchmal die Unbeschwertheit, mit der du früher um Hilfe bitten konntest.

Du schätzt deine Vernunft. Und erinnerst dich sehnsüchtig an die Zeit, in der du einfach etwas ausprobiert hast.

Oder du magst deine heutige Ruhe und fragst dich gelegentlich, wo eigentlich deine frühere Begeisterungsfähigkeit geblieben ist.

Muss das bedeuten, dass du mit deinem heutigen Leben unzufrieden bist?

Ich glaube nicht.

Vielleicht zeigt es einfach, dass mehr zu dir gehört, als du im Alltag gerade lebst.

Vielleicht müssen wir uns nicht ständig verbessern

Als ich diese Traurigkeit wahrnahm, hatte ich erstaunlicherweise überhaupt keine Lust, sofort etwas zu verändern. Ich wollte keinen Plan erstellen, keine neue Gewohnheit entwickeln und auch keine Liste schreiben, wie ich wieder lebendiger werden könnte.

Was für eine Erleichterung!

Manchmal habe ich nämlich den Eindruck, dass wir inzwischen sogar unsere Selbsterkenntnisse möglichst effizient verarbeiten möchten.

Muster erkannt? Wunderbar. Dann bitte gleich drei konkrete Schritte zur Veränderung. Am besten mit Wochenplan und Erfolgskontrolle.

Diesmal fühlte sich das anders an. Ich wollte einfach nur liebevoll auf die Frau schauen, die ich früher einmal war. Auf ihre Entscheidungen, ihre Unsicherheiten und auf all die Versuche, dazuzugehören und möglichst alles richtig zu machen.

Und plötzlich war da ein Satz, der mich sehr berührt hat:

„Es tut mir leid, dass ich dich so lange zurückgehalten habe. Ich dachte, ich müsste uns damit schützen.“

Vielleicht war das der Moment, in dem ich aufgehört habe, mich innerlich zu verurteilen. Nicht, weil damit alles geklärt wäre. Sondern weil ich zum ersten Mal an dieser Stelle kein Urteil mehr brauchte. Ich konnte einfach Verständnis empfinden. Und ich frage mich, ob wir uns selbst nicht viel häufiger so begegnen könnten.

Wie würdest du mit einem Menschen sprechen, den du sehr liebst und der dir erzählt, dass er sich für seine Vergangenheit schämt?

Würdest du ihm immer wieder vorhalten, was er falsch gemacht hat? Oder würdest du versuchen zu verstehen, weshalb er damals so gehandelt hat?

Und warum fällt es uns manchmal so schwer, uns selbst dieselbe Freundlichkeit entgegenzubringen?

Vielleicht darf die Tür wieder aufgehen

Ich weiß nicht, ob wir alle Seiten von uns wiederentdecken müssen, die wir im Laufe unseres Lebens zurückgelassen haben. Es gibt gute Gründe, weshalb manches nicht mehr zu uns passt. Wir haben uns sicherlich auch bewusst von Verhaltensweisen verabschiedet, die uns oder anderen nicht gutgetan haben.

Aber ich möchte künftig genauer unterscheiden.

Habe ich mich wirklich verändert? Oder habe ich irgendwann aufgehört, mir etwas zu erlauben?

Ist mir etwas tatsächlich nicht mehr wichtig? Oder habe ich nur gelernt, den Wunsch danach möglichst leise werden zu lassen?

Und vor allem:

Wessen Urteil bestimmt eigentlich noch immer darüber, welche Seiten von mir willkommen sind?

Liegt darin womöglich eine Chance, uns selbst wieder ein bisschen vollständiger zu begegnen? Ohne die Vergangenheit zurückholen zu müssen. Ohne wieder jung, unbeschwert oder besonders mutig sein zu wollen.

Ich mag meine alte Weise. Und ich glaube, sie darf bleiben. Aber vielleicht muss sie nicht mehr allein entscheiden, wer in meinem Leben einen Platz bekommt.

Denn eines möchte ich nicht länger sein: Diejenige, die vor der eigenen Tür steht und sagt:

„Du gehörst hier nicht hin.“

Vielleicht mache ich sie einfach ein Stück auf.

Und schaue, wer da noch alles zu mir gehört.


Eine Frage möchte ich dir zum Schluss mitgeben:

Welche Seite von dir hast du irgendwann zurückgelassen, weil du dachtest, ohne sie leichter durchs Leben zu kommen?

Und wenn du heute an diese Seite denkst: Brauchst du den Schutz, der dich damals dazu bewogen hat, noch immer?

🌙 Manchmal beginnt Veränderung mit einer einzigen Frage. Vielleicht war heute deine dabei.

 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

 

 

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