Wer hat uns eigentlich erzählt, dass wir nicht genug sind?

Veröffentlicht am 22. Juni 2026 um 18:15

Mensch sein statt peferkt sein - Teil 1
Über alte Stimmen, Selbstzweifel und die Erlaubnis, eifnach du selbst zu sein. 

Ich frage mich das tatsächlich immer öfter.

Wer hat uns eigentlich erzählt, dass wir nicht genug sind?

Wann genau hat das begonnen? Denn wenn wir auf die Welt kommen, beschäftigen uns solche Fragen nicht. Wir lachen laut. Wir nehmen Raum ein. Wir sind neugierig. Wir probieren aus. Wir sind einfach da.

Irgendwann verändert sich etwas. Vielleicht nicht durch einen einzigen großen Moment. Vielleicht durch viele kleine. Ein Kommentar. Eine Ablehnung. Ein Blick. Eine Bemerkung. Eine Erfahrung. Und plötzlich beginnt sie, diese leise Stimme.

„So wie du bist, reicht es nicht ganz.“

Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, begegnet mir dieser Gedanke immer wieder.

Vor allem in Beziehungen.  Ich hatte oft das Gefühl, nicht einfach nur ich selbst sein zu dürfen. Ich war zu viel. Zu männlich. Zu dominant. Zu lustvoll. Zu energievoll. Zu anstrengend. Manchmal zu dick. Manchmal zu dünn. Selten einfach nur genug. 

Und weißt du, was das Verrückte daran ist? Wenn man solche Erfahrungen oft genug macht, beginnt man irgendwann, sie selbst zu glauben. Man trägt sie weiter. Auch dann, wenn die Menschen längst nicht mehr da sind. 

Vielleicht kennst du das.

Dann wird aus einer Aussage irgendwann eine Überzeugung. Und aus einer Überzeugung eine Wahrheit. Obwohl sie nie eine Wahrheit war. Vielleicht warst du nie nicht genug. Vielleicht warst du einfach nur zu lange damit beschäftigt, den Maßstäben anderer zu entsprechen. Auch heute begegnen mir solche Gedanken manchmal noch. Nicht mehr in Beziehungen. Aber hin und wieder in meiner Arbeit. Dann tauchen plötzlich ganz andere Fragen auf.

Habe ich genug gelernt? 
Reicht das, was ich mitbringe, wirklich aus? 
Kann ich Menschen auf ihrem Weg wirklich begleiten?

Und dann muss ich manchmal selbst schmunzeln. Denn wie oft verschieben wir die Latte immer wieder ein Stück nach oben? Noch eine Ausbildung. Noch mehr Wissen. Noch mehr Erfahrung. Und irgendwann vergessen wir dabei etwas Wesentliches:

Wir haben längst begonnen. 
Wir wirken bereits.
Wir bewegen bereits etwas.

Ich glaube, viele Menschen kennen dieses Gefühl. Es verschwindet nicht einfach eines Tages. Aber wir lernen, es zu erkennen. Und genau das verändert alles. Denn irgendwann habe ich verstanden:

Das Problem war nie mein Menschsein. Ich habe viele Jahre funktioniert. In Beziehungen. Im Beruf.  Im Alltag. Für andere. Bis mein Körper irgendwann eine klare Grenze gezogen hat. Da verschoben sich plötzlich die Grenzen meines bisherigen Lebens. Für meine Verhältnisse ging nichts mehr.

Und rückblickend glaube ich heute sogar, dass mein Körper damals etwas getan hat, was ich selbst viel zu lange nicht getan hatte: Er hat Stop gesagt.

Das war nicht leicht. Aber vielleicht notwendig. Denn zum ersten Mal begann ich, nicht mehr gegen mich zu leben, sondern mit mir. Und vielleicht liegt genau darin eines der größten Missverständnisse. Wir verbringen unglaublich viel Zeit damit, ein besserer Mensch werden zu wollen. Dabei wäre die eigentliche Frage vielleicht:

 Was wäre, wenn ich aufhöre, ständig jemand anderes werden zu wollen?

Ich merke heute etwas sehr Schönes. Ich bin mir näher als jemals zuvor. Ich empfinde eine tiefe Anerkennung für mein Sein, Schaffen und Wirken. Ich verstehe mich besser. Ich akzeptiere mich mehr. Ich liebe mein Leben heute auf eine andere Art. Nicht, weil alles perfekt ist. Sondern weil ich aufgehört habe, Perfektion zu erwarten. Und ich kann heute einen Satz sagen, den ich früher nie geglaubt hätte:

Ich bin genug.

Nicht perfekt. Nicht fertig. Nicht immer leicht. Aber genug. 

Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues. Nicht dann, wenn die Zweifel verschwinden. Sondern dann, wenn wir ihnen nicht mehr alles glauben. Wenn wir beginnen, uns selbst wieder zuzuhören. Wenn wir erkennen, dass viele dieser Stimmen gar nicht unsere eigenen sind. Und vielleicht dürfen wir uns deshalb eine neue Frage stellen.

Nicht:  Was muss ich noch werden? Sondern: Was darf ich endlich loslassen?

Wenn ich meinem früheren Ich heute etwas sagen dürfte, wäre es nur ein Satz:

 💛Lebe ungeniert. Sei einfach du. Du bist großartig.

Und vielleicht ist das gleichzeitig auch die Einladung dieses Artikels.

An dich. 🩷

Im nächsten Teil dieser Reihe wird es darum gehen, warum wir aus persönlicher Entwicklung manchmal ein lebenslanges Projekt machen – und weshalb selbst die Suche nach Leichtigkeit anstrengend werden kann.

 🌙 Fortsetzung folgt.

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